Anja nach dem Angriff im Februar 2026

Anja nach dem Angriff im Februar 2026

Anja Ringgren Lovén fürchtete um ihr Leben, als sie und ihr Team in Nigeria angegriffen wurden. In Genstart, einem Podcast des öffentlich-rechtlichen dänischen Rundfunks DR, spricht sie über das Erlebte, ihr Versprechen an ihren Sohn und ihre Sehnsucht nach dem Leben, das sie gemeinsam mit ihrem Mann David und den Kindern bei Land of Hope aufgebaut hat.

Nach dem gewaltsamen Angriff im Februar 2026 musste Anja innehalten. In Genstart beschreibt sie, wie es sich anfühlt, um das eigene Leben zu fürchten. Und zu erfahren, dass auch ihr Sohn Angst hatte, sie zu verlieren.

Das Interview ist auf Dänisch. Für unsere internationalen Unterstützerinnen und Unterstützer haben wir die wichtigsten Teile ihrer Geschichte zusammengefasst. Im Anschluss folgen ausgewählte Fragen und Antworten aus dem Interview in deutscher Übersetzung.

Was geschah im Februar?

Anja und ihr Team waren mit Samuel, der bei Land of Hope lebt, auf dem Weg in ein Dorf. Sie wollten seine schwer kranke, im Sterben liegende Mutter besuchen. Anja und ihr Team kannten das Dorf gut und waren schon oft dort gewesen. Doch diesmal eskalierte die Situation.

Eine große Menschenmenge umringte ihren Bus. Ein Mitarbeiter wurde angegriffen, und Samuel wurde aus dem Bus gezerrt, während Anja versuchte, ihn festzuhalten. Einige Menschen im Dorf glaubten, sie seien gekommen, um Kinder zu entführen. Andere erkannten Anja und versuchten, die Menge dazu zu bewegen, sie in Ruhe zu lassen. Schließlich wurde Anja durch die Menschenmenge zum Haus des Dorfoberhaupts geführt und dort gegen ihren Willen festgehalten.

Draußen hörte sie Menschen rufen, dass sie sterben würde.

Anja und ihr Team konnten das Dorf lebend verlassen. Doch das Erlebte lässt sie bis heute nicht los.

Während des Angriffs rief sie ihren Mann David an, um Hilfe zu holen. Doch es war ihr gemeinsamer Sohn, der ans Telefon ging und sie rufen hörte: „Sie bringen uns um.“

Auch er dachte, dass sie sterben würde.

Angst, Familie und die Sehnsucht nach Zuhause

Anja weiß seit Langem, dass ihre Arbeit gefährlich sein kann. Doch sie hatte für sich immer eine Grenze gezogen: Sobald ihr Sohn darunter leidet, würde sie innehalten und überdenken, wie es weitergehen soll.

Nach dem Angriff war diese Grenze erreicht.

Zum Zeitpunkt des Genstart-Interviews war Anja in Dänemark und seit dem Angriff nicht mehr nach Nigeria zurückgekehrt. Die Entfernung gibt ihr Sicherheit. Gleichzeitig sind sie und ihr Sohn dadurch von einem großen Teil ihrer Familie und ihres vertrauten Alltags getrennt.

David ist in Nigeria. Ebenso die Kinder bei Land of Hope. Anja vermisst sie, und sie vermissen Anja. Auch ihr Sohn vermisst das Kinderzentrum und seinen Vater.

„Es ist sehr kompliziert“, sagt sie im Interview.

Über 14 Jahre hinweg hat Anja mitgeholfen, ein Zuhause für Kinder zu schaffen, die von genau den Menschen im Stich gelassen wurden, die sie hätten beschützen sollen. Sie hat die Kinder von ihrer Rettung bis in ein Leben mit Fürsorge, Bildung und neuen Möglichkeiten begleitet. Deshalb ist es nicht leicht zu entscheiden, wann sie für eine Rückkehr bereit ist und wie ihr Alltag in Nigeria künftig aussehen soll.

Der Wille, weiterzukämpfen, ist noch da

Im Interview wird Anja gefragt, ob die vielen Jahre voller Gefahren und Widerstände sie zynisch gemacht haben. Sie spricht offen über die Wut, die sie während des Angriffs empfand. Über einen Moment, in dem sie dachte, die Menschen vor Ort müssten eben ohne sie zurechtkommen und sie würde nach Dänemark zurückkehren.

Doch als das Gespräch auf die Kinder kommt, die noch immer der Hexerei beschuldigt werden, spürt sie auch etwas anderes: den Drang, zurückzukehren. Den Menschen zu sagen, dass es keine Hexen gibt. Weiterzukämpfen.

Auf die Frage, ob sie selbst ihr letztes Kind gerettet habe, das der Hexerei beschuldigt wurde, antwortet sie:

„Nein, ich hoffe wirklich, dass das nicht so ist.“

Wie sich diese Hoffnung mit dem Versprechen an ihren Sohn vereinbaren lässt, darauf gibt das Interview keine einfache Antwort. Anja versucht noch, ihren Weg zu finden. Sie vermisst die Kinder und ihr Leben in Nigeria. Gleichzeitig muss sie auf sich selbst und ihre Familie achten.

„Ich mache jetzt eine Pause, und dann sehen wir, was passiert.“

Dieser Artikel basiert auf Anja Ringgren Lovéns Interview im DR-Podcast Genstart. Der Podcast ist auf Dänisch. Die folgenden Auszüge wurden aus dem dänischen Interview übersetzt.

Interviewer: Was bedeutet das für dein Leben? Machst du jetzt eine längere Pause von der Arbeit, der du seit so vielen Jahren nachgehst?

Anja: „Es ist sehr kompliziert. Denn wenn ich sage, dass ich jetzt eine Pause mache, bedeutet das auch, dass mein Sohn seinen Vater eine Zeit lang nicht sieht. Mein Mann kann nach Dänemark kommen, aber ich vermisse das Kinderzentrum, ich vermisse die Kinder, und sie vermissen mich. Mein Sohn vermisst das Kinderzentrum. Ob ich dieses Jahr nach Nigeria zurückkehre und dort Weihnachten feiere, wie ich es seit sieben Jahren jedes Jahr getan habe, weiß ich nicht. Aber ich werde niemals nie sagen.“

Interviewer: Hat dein Sohn dich gebeten, dich von dieser Arbeit fernzuhalten?

Anja: „Ja, mein Sohn hat mich gefragt, ob ich mich bitte von den Dörfern fernhalten würde, wenn wir nach Nigeria zurückkehren. Das hat er gesagt.“

Interviewer: Was hast du ihm geantwortet?

Anja: „Ich habe ihm gesagt: Natürlich mache ich das. Ich bleibe den Dörfern fern und bleibe im Kinderzentrum und spiele Fußball. Ich fahre nicht in die Dörfer. Das habe ich ihm versprochen.“

Interviewer: Ist ein Teil von dir nicht zynisch geworden? Du machst diese Arbeit seit 14 Jahren, und noch immer werden Kinder der Hexerei beschuldigt, während du angegriffen und mit dem Tod bedroht wirst.

Anja: „In dem Moment, als ich angegriffen werde und Frauen sehe, die dort stehen und rufen, dass ich sterben soll, werde ich wütend und denke: ‚Dann müsst ihr eben allein zurechtkommen. Ich gehe zurück nach Dänemark.‘“

Interviewer: Und genau das hast du getan. Glaubst du, dass du selbst dein letztes Kind gerettet hast, das der Hexerei beschuldigt wurde?

Anja: „Nein, ich hoffe wirklich, dass das nicht so ist. Ich will kämpfen, und wenn ich daran denke, werde ich wütend. Ich möchte die Menschen vor Ort am liebsten schütteln und ihnen direkt ins Gesicht rufen: Es gibt keine Hexen. Versteht das doch endlich. Ich möchte wirklich wieder los. Jetzt, wo ich darüber spreche, möchte ich mich am liebsten in ein Flugzeug setzen und nach Nigeria reisen. Vielleicht ist es Genstart, das mich dazu bringt, wieder nach Nigeria zu reisen. Damit hätte ich nicht gerechnet.“

Unterstütze Anja und ihr Team bei Land of Hope